Ich habe eine Freundin, die weder gerne liest noch schreibt. Worte, Text sind nicht die Mittel ihrer Wahl, mit denen sie der Welt beizukommen versucht, sie hat andere. Und so war ich bass erstaunt, als sie mir letztes Jahr aus dem Urlaub das erste Mal seit unserer langen Freundschaft einen Geburtstagsgruß schickte, der nicht aus einem einfachen, in inflationärer Zahl an Emojis eingebetteten „Happy Birthday“ bestand, sondern aus Elf. Zeilen. Text. Da war mir klar: Kerstin hat ChatGPT für sich entdeckt. Kerstin sagt: dank ChatGPT habe ich das mit dem Schreiben endlich von der Backe, und das wiederum ist eine sehr gute Beschreibung nicht aller, aber vieler Texte, die die KI produziert. Sie zeugen davon, dass da einer das Schreiben von der Backe hat, das Finden des treffenden Worts von der Backe hat, das Ringen um die richtige Formulierung, das So-wird-das-nichts, das Ich-muss-es-noch-einmal-völlig-neu-denken, das Ich-mach-mir-jetzt-erstmal-einen-Espresso und auch das: Shit, was will ich hier eigentlich im Kern auf Papier bringen. Diesen ganzen mitunter zermürbenden Wahnsinn hat die Schreibende von der Backe. Das hat Vorteile, und das hat Nachteile.

Der Vorteil liegt natürlich auf der Hand für all diejenigen, die sich genuin nicht als Schreibende begreifen, ich meine das beobachtend, nicht wertend, unsere Passionen sind unterschiedlich verteilt. Die KI ist das Versprechen, dass du nicht mehr um die Worte ringen musst. Ihre Texte sind auch um Längen bequemer zu lesen, weil sie uns, Prinzip Stochastik, immer ein bisschen bekannt vorkommen, ich meine, wer von uns wurde im letzten Jahr nicht schon mindestens 10 Mal dazu aufgefordert, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Vielen passt das, ich vermute, dass es sich hierbei um Menschen wie Kerstin handelt, die einfach nicht so gerne lesen, müssen sie auch nicht. Wenn ich die Diskussionen auf Linkedin richtig einschätze, meldet sich nun aber immer öfter auch eine Fraktion zu Wort, die dieser KI-generierten Texte langsam überdrüssig ist, neulich begegnete mir gar das schöne, seltene Wort ennui, tiefe Langeweile, in Sartres einstigen Worten auch: „der Weltekel“. Ich vermute, dass dies die Stimmen von Menschen sind, die schon einmal von einem Text eingesogen wurden, solche Texte gibt es, und aus solchen Texten tauchst du dann auf und denkst, krass, was war das denn, bei diesem Unternehmen werde ich mich bewerben. Zum Beispiel. Bei diesem Unternehmen möchte ich kaufen. Zum Beispiel. Diese Beraterin wird es hinbekommen mit uns Luschen. Zum Beispiel. Noch ist die KI nicht so weit, dieses Eintauchen herzustellen. Noch sind ihre Zeichenprodukte nicht das barfüßige auf Glas Laufen, das das Schreiben solcher Texte erfordert, nicht das den Kopf ganz hinhalten und ein Wagnis eingehen, so wie ich hier mit diesen Zeilen. Aber KI ist, wie man hört, momentan eher auf Entwicklungsstand Internet der 90er-Jahre und kann halt auch nur die Texte kombinieren, abstrahieren, generalisieren, mit denen ihr Modell trainiert worden ist – und der zweite Teil des Satzes ist für uns Schreibende entscheidend. Denn wir müssen nicht, wie eine Kollegin unlängst dramatisch auf Linkedin verkündete, unseren Beruf zu Grabe tragen und fortan, kein Witz, einen Podcast über den Tod machen. Nein, wir können die Herausforderung annehmen und die Zukunft gemeinsam gestalten, oh sorry, da hat sich doch tatsächlich gerade die KI eingemischt. Streichen wir den letzten Satz und nehmen stattdessen diesen: wir Schreibende müssen nur eins zu Grabe tragen – unsere mitunter unfassbare Eitelkeit. Und dann können wir uns mit System Prompting beschäftigen, mit Voice Paragraphs und few shots, Tokenmanagement, Chain-of-thought und all den crazy skills mehr, die wir für das Customizing von Chatbots benötigen, damit sie unser Schreiben nachahmen und zu Texten kombinieren, die denken machen, eine Volte schlagen, einen Graben ganz durchwandern, das erste Sonnenlicht am Morgen sehen, kurzum: ihre Leserschaft dorthin verführen, wohin ich sie verführen will. Wir Schreibende werden immer weniger Texte verkaufen. Dafür immer mehr Chatbots.

Und falls ich mich irre, schießt mich auf den Mond. 

Bildredaktion dieses Beitrags: open.ai